Hintergrund

 

 

Der Blick von immer mehr StadtbewohnerInnen richtet sich in den letzten Jahren wieder auf das Land, denn die Verheißung des guten Lebens abseits der Ballungsräume gewinnt in Zeiten ökonomischer und gesellschaftlicher Krisen, einer zunehmenden Dichte und schnell steigenden Preisen in den Metropolen an Attraktivität. Glaubt man der Forschung, die seit Jahren das Entleeren ländlicher Räume (Berlin-Institut 2011), den notwendigen Rückbau von Infrastruktur im Zuge des demographischen Wandels (Aring/Sinz 2006) und die Perspektivlosigkeit der Peripherie (Keim 2007) beschreibt, ist dieser neue Landtrend eine umso erstaunlichere Entwicklung. Erst kürzlich bekräftigte Die Zeit unter dem Titel “Rettet die Provinz!” einmal mehr das negative Bild: „Sie entwickeln sich zurück, werden ärmer, ungepflegter, manche Dörfer auch hässlicher. Das Versprechen auf Frieden und Wohlstand in Europa? Gilt dort nicht mehr. Eine Kluft tut sich auf, wie es sie noch nicht gegeben hat” (Gassner/Hamann/Pausackl et al. 2016). Diese Entwicklung ist auch das Ergebnis einer Politik und Raumplanung, die seit den 1990ern eine starke “Orientierung auf Zentren, Metropolen oder Wachstumskerne” (Baumann 2014, S. 99) betrieben hat.

Das DIW zeigt dagegen mit den Zahlen aus dem Jahr 2014, das mittlerweile aus den großen Städten wieder mehr Leute auf das Land ziehen. Das Wachstum der Metropolen beruht hingegen hauptsächlich auf Zuzügen aus dem Ausland. Im ländlichen Raum scheint es also etwas zu geben, was sich der wissenschaftlichen Wahrnehmung anhand der klassischen demographischen, sozialstrukturellen und ökonomischen Indikatoren bisher entzogen hat. Immer mehr zeigt sich, dass der vorherrschende Schrumpfungsdiskurs die Entwicklungs- und Veränderungschancen lange Zeit negiert (Beetz 2006, S. 239) und ländliche Innovationspotentiale übersehen (ebd. S. 232) hat.

Diese Lücke soll mit Hilfe des bürgerwissenschaftlichen Ansatzes geschlossen werden, denn dieses Wissen kann mit den Menschen, die auf dem Land leben und sich aktiv einmischen, öffentlich präzisiert werden. Dafür wollen wir in dem Forschungsprojekt gemeinsam bessere Werkzeuge als die demographischen Indikatoren finden, um diese gesellschaftlichen Transformationsprozesse zu beschreiben, analysieren und zu verstehen. In der Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort sehen wir eine große Chance, um eine flächendeckende, differenzierte Beschreibung der Situation abseits der Metropolen zu leisten. Wie und warum entwickeln sich benachbarte Ortschaften ganz unterschiedlich? Welche Rolle spielen Selbstversorgung, Subsistenz und das Selbermachen? Kann das Engagement der Menschen für ihr Dorf den Verlust von staatlicher Daseinsvorsorge aufwiegen? Und was brauchen sie dafür? Das Ziel ist dabei eine andere Diskussion über Daseinsvorsorge, zivilgesellschaftliches Engagement und (soziale) Innovationen in ländlichen und peripheren Räumen anzustoßen – sowohl in der Öffentlichkeit als auch mit der Politik. Dabei hat die Forschung selbst die Rolle einer „transformativen Wissenschaft“ (Schneidewind/Singer-Brodowski 2013), die sozialen Wandel unterstützt und Anstöße dazu liefert.

Um die BürgerInnen an der Forschung über die Lebenswirklichkeit auf dem Land zu beteiligen, soll eine Web-Plattform kollaborativ entwickelt werden. Durch die gemeinsam erhobenen Daten setzt dieses bürgerwissenschaftliche Forschungsverfahren Synergieeffekte frei: einerseits erschließt sich das Forschungsfeld der Soziologie auch für Citizen Science-Zugänge (Franzen/Hilbrich 2015), andererseits entsteht über die Einsichten in vielschichtige, sozial innovative Prozesse der ländlichen Raumentwicklung ein anderes Bild in der Öffentlichkeit. Nicht zuletzt erhalten die in den Prozess eingebundenen AkteurInnen eine Qualifizierung und lokal anwendbares Wissen über Raumentwicklung und Demographie vermittelt. Langfristig entsteht somit ein – zunächst auf die Modellregion Mecklenburg-Vorpommern beschränktes, später jedoch auch für die restliche Republik entwickelbares – Abbild sozialer und wirtschaftlicher (Selbst-) Organisationsstrukturen auf dem Land, das bislang hinter Statistiken verborgen bleibt.

 

Das Team

Das Thünen-Institut für Regionalentwicklung e.V. Bollewick beschäftigt sich mit der Transformation von Gesellschaften, insbesondere der ländlichen Räume in Ostdeutschland. Ein zentrales Themenfeld ist die Rolle und Funktion der Zivilgesellschaft bei der Gestaltung von Transformationsprozessen. Vor allem engagierten und kreativen Akteuren des Wandels kommt dabei eine gesonderte Bedeutung zu. Unsere Arbeit ist sowohl klassisch forschend als auch partizipativ. Besonders der gemeinschaftliche Erkenntnisgewinn, die kreative und einfache Kommunikation der Ergebnisse sowie eine Interaktion auf Augenhöhe sind unser größtes Anliegen in unserem Schaffen.

Wir arbeiten aktuell in einem interdisziplinären Team aus Gestaltern, Raumforschern, Sozialwissenschaftlern und Programmierern. Unserem Arbeiten ist dadurch das voneinander Lernen eingeschrieben und wir sind ständig auf der Suche nach neuen Einflüssen und Perspektiven aus unterschiedlichsten Richtungen.